Was bedeutet GInA


Wissenschaftliche Befunde weisen hinsichtlich der Bildungs- und Interaktionsgelegenheiten in Kindertageseinrichtungen auf zwei Aspekte hin: Erstens wird im pädagogischen Alltag zu wenig mit den Kindern gesprochen. Zweitens werden die Gespräche nicht bewusst genug gestaltet, um sie als Bildungsgelegenheiten nutzen zu können. Aus der entwicklungspsychologischen Forschung ist die überragende Bedeutung von Sprache für die kognitive Entwicklung im Kindesalter bekannt. Viele Sprachförderkonzepte zielen zwar auf die Verbesserung der sprachlichen Fertigkeiten ab, führen jedoch nicht unmittelbar auch zu einem verstärkten Gebrauch von Sprache im Alltag, wie vergleichende Untersuchungen zeigen.


Das Konzept des „sustained shared thinking”  (Sylva et al., 2004, S. 13ff) setzt an diesen Erkenntnissen an. Mit Hilfe offener Fragen, die an den Interessen, Ideen und Deutungen der Kinder ansetzen, soll ein Prozess des gemeinsamen Nachdenkens initiiert werden. Es soll ein Dialog zwischen Fachkräften und Kindern sowie zwischen den Kindern untereinander in Gang gesetzt werden, der durch Wertschätzung, Offenheit und Nähe geprägt ist. Die Fachkräfte nehmen die Rolle von aufmerksamen Zuhörern ein und setzen Impulse durch offene Fragen, eigene Gedanken und Erfahrungen.


Gespräche zwischen ungleichen Partnern (Erwachsene und Kinder) fördern nicht nur die sprachlich-kognitive Entwicklung der Kinder, sondern auch deren soziale und emotionale Kompetenzen (Perspektivübernahme, Theory of Mind). Aus den Alltagsgesprächen können sich philosophische Gespräche, spontane Diskussionen oder Kinderkonferenzen ebenso ergeben wie Projekte zu den Lebenswelten der Kinder. Im Vordergrund solcher Bildungs- und Interaktionsgelegenheiten stehen Dialogorientierung, Prozessoffenheit und Partizipation.


Das Konzept des sustained shared thinking erfordert von den Fachkräften zum einen eine professionelle Haltung, die das Kind als aktiven Lerner betrachtet, das sich in seinen sozialen Austauschmöglichkeiten ein Bild von der Welt macht und seine Persönlichkeit weiterentwickelt. Zum anderen ist der Erwerb von Gesprächsführungskompetenzen erforderlich, die Gespräche mit Kindern zu wertvollen und sinnstiftenden Erlebnissen machen.


Dialoge können sich im Rahmen systematisch angewendeter Beobachtungsverfahren entwickeln, die das Kind mit seinen individuellen Entwicklungsaufgaben, Themen und Interessen in den Blick nehmen. Allerdings ergeben sich Gespräche nicht „automatisch”, sondern werden von den Fachkräften bewusst initiiert oder gestaltet, indem Gesprächen mit Kindern Raum und Zeit gegeben wird. Die Worte der Kinder werden nicht nur gehört, sondern auch feinfühlig aufgegriffen, um nicht im Alltag unterzugehen. Aus ressourcenorientierten Beobachtungen können Momente intensiver Interaktion entstehen, die aus dem unmittelbaren Lebensalltag der Kinder hervorgehen und als besonders wertvolle Gesprächserfahrungen gelten.  


Ziel des Projekts GInA (2011-2013) war es, in Kindertagesstätten der Stadt Pforzheim die Bildungs- und Interaktionsgelegenheiten im Alltag zu stärken, indem Fachkräfte beim Erwerb und der Anwendung offener Gesprächsführungsmethoden mit Kindern unterstützt werden. Das Projekt wurde über den gesamten Verlauf wissenschaftlich begleitet. Ein besonderes Augemerk kam den Alltagsgesprächen zwischen Fachkräften und Kindern zu, die videographisch, audiovisuell oder schriftlich festgehalten und analysiert werden. Prozessbegleitend wurden mit den Teams gemeinsam Methoden entwickelt, die die (selbst-)reflexive, theorie- und methodenbasierte fachliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Interaktionsverhalten befördern. Bei dem GInA-Verfahren wird dabei auch den Besonderheiten einer hoch komplexen pädagogischen Arbeit in interkulturellen Zusammenhängen Rechnung getragen.